Oper ist eine sinnliche Kunst
Was bringt die Deutsche Oper Berlin unter der neuen Leitung Neues, und wie begegnet das Haus der Tradition? Ein Gespräch mit Intendant Aviel Cahn, Chefdramaturgin Beate Breidenbach und mit Elisa Erkelenz, Leiterin von Unlimited
Herr Cahn, das Motto der ersten Spielzeit unter Ihrer Leitung heißt «Make Love…». Wie bildlich oder wörtlich sollen wir das verstehen?
Aviel Cahn Wir sollen es uns nicht ganz wörtlich vorstellen, als wollten wir die Bevölkerung in Berlin erweitern. Ich sehe schon Liebesschaukeln im Foyer! (lacht)
Warum nicht!
Aviel Cahn Nein, es geht uns dabei natürlich um den Symbolgehalt von «Make Love…». Viele Menschen konnten sich bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen, in kriegerischen Zeiten zu leben, besonders in Berlin. Um das zu verstehen, sind die drei Punkte wichtig im Motto: «Make Love…», weil man erwartet, dass es mit «…not War» weitergeht wie im berühmten Slogan aus den späten Sechzigerjahren. Die Pünktchen schaffen auch Platz für andere Inhalte. Wir suchen mit dem Motto einen Bezug zu unserer Zeit, das ist bei der Oper nicht immer selbstverständlich. Aber man darf nicht vergessen: Die Oper ist eine sinnliche Kunst und um die Liebe geht es fast immer. Es hat also seinen Sinn, dass wir die Liebe in den Titel schreiben, den Krieg aber nicht.
Beate Breidenbach Unser Motto spannt einen Bogen über die ganze Spielzeit. Wir beginnen mit einer Inszenierung von Mittwoch aus Licht von Karlheinz Stockhausen, da stehen die Liebe, die Möglichkeit der Gemeinschaft und die Solidarität im Zentrum. Und am Ende der Spielzeit zeigen wir eine Neueinstudierung des War Requiem von Benjamin Britten mit einer Bühne des Fotografen Wolfgang Tillmans. Obwohl unausgesprochen im Spielzeitmotto, ist der Krieg in der Programmierung doch auch präsent.
Elisa Erkelenz Die drei Punkte nach «Make Love…» sind ein Spielraum. Bei der neuen Sparte Unlimited werden wir sehen, welche politischen Dimensionen in der Liebe stecken. Hier ist uns wichtig, verschiedene Perspektiven zum Thema einzubringen, ob von unserem Poet in Residence, der aus dem Kongo kommt, oder von Sängerinnen aus der Ukraine, dem Iran oder der Türkei wie in unserer Reihe Cantadoras, die Frauenstimmen im Kontext verschiedener Musiktraditionen präsentiert.
Die Regie von Mittwoch aus Licht von Karlheinz Stockhausen übernimmt Susanne Kennedy. Ich ahne da beides: Das Zarte, die Liebe – allein schon im Begriff Licht, auch weil Kennedy so atmosphärisch, fast psychedelisch arbeitet, aber auch das Schroffe von Stockhausen…
Aviel Cahn Susanne Kennedy ist eine Regisseurin, deren Arbeit oft wirkt, als würde sie schweben. Und bei Stockhausen finde ich einen Regie-Stil wichtig, der nicht konventionell von A nach Z erzählen will. Das würde dem Werk nicht entsprechen. Obwohl Kennedy eine der wichtigsten deutschen Regisseurinnen ihrer Generation ist, entstanden ihre beiden bisherigen Opern-Arbeiten nicht in Deutschland. Es ist mir wichtig, dass man am Anfang Neues und Frisches sieht. Diesem Prinzip begegnet man wiederholt in dieser Spielzeit: Künstler*innen, die man kennt, aber aus anderen Kontexten, oder die im Ausland berühmt sind: Der Franzose Joris Lacoste inszeniert die Uraufführung von Good Vibes Only, das belgische Regiekollektiv FC Bergman inszeniert Mozarts Così fan tutte. Wichtige Künstler*innen, die in Berlin noch nicht zu sehen waren.
Beate Breidenbach Neu für Berlin ist erstaunlicherweise auch das Werk, das Susanne Kennedy inszeniert. Denn Stockhausens Mittwoch aus Licht wurde seit der Uraufführung in Birmingham 2012 nie mehr als Ganzes gezeigt. Bei uns gibt es jetzt die deutsche Erstaufführung. Es ist aus vielen, auch rechtlichen, Gründen eine große Herausforderung, Stockhausen ins Programm zu nehmen. Man muss wirklich wissen, warum man das macht. Deshalb die Entscheidung für die Regisseurin Kennedy, die in ihrer Arbeit danach fragt, was passiert, wenn uns als Gesellschaft gemeinschaftliche Rituale fehlen, und diese Rituale auf die Bühne bringt. Das passt inhaltlich hervorragend zum Werk. Und Maxime Pascal brennt für Stockhausen wie kein anderer Dirigent heute. Von dieser besonderen Konstellation erhoffen wir uns viel.
Aviel Cahn Mit zeitgenössischer oder Neuer Musik zu eröffnen, ist allerdings nicht neu, das steckt schon fast in der DNA der Deutschen Oper. Mein Vorgänger Dietmar Schwarz eröffnete mit Helmut Lachenmann, wir nun mit einer deutschen Erstaufführung von Stockhausen. Es gibt zudem mehrere Uraufführungen auf der großen Bühne und in der neuen Sparte Unlimited. Dabei geht es um zeitgenössische Themen wie zum Beispiel in Good Vibes Only. Und ich denke, dass man damit auch Leute anspricht, die sonst nicht viel mit (zeitgenössischer) Oper anfangen können. Oder es noch gar nicht wissen! Dabei bleibt das Repertoire selbstverständlich eine wichtige Säule für das Haus. Aber Komponistinnen wie Bára Gísladóttir, die bei uns eine Residenz hat und die Musik zu Good Vibes Only schreibt, stehen eben auch für ein zentrales Anliegen des Zeitgenössischen der Deutschen Oper Berlin in den kommenden Jahren.
Frau Erkelenz, bei Ihrer Sparte Unlimited werden wir viel Heutiges, Performances und Zusammenkünfte erleben, von der Tischlerei in der Deutschen Oper bis in den Club Berghain. Am Eröffnungswochenende laden Sie den thailändischen Künstler Rirkrit Tiravanija ein. In vielen Museen der Welt hat Tiravanija gekocht. Ist er auch bei Ihnen zuständig für die Liebe, die durch den Magen geht?
Elisa Erkelenz Auf jeden Fall! Es soll gekocht werden an Orten, wo man das nicht vermutet. Zu viel wollen wir noch nicht verraten – allgemein aber lässt sich über Tiravanijas Arbeiten sagen, dass er versucht, Institutionen für soziale Situationen zu öffnen. Dafür ist das Zusammenkommen, das gemeinsame Essen natürlich zentral. Aber auch andere überraschende Räume der Oper werden bespielt – er bringt viele internationale Künstler*innen zusammen, die in Berlin zuhause sind und die sich mit der Oper als Organismus auseinandersetzen. Wir überlassen ihnen das Haus für eine besondere Eröffnung, zu der natürlich alle herzlich eingeladen sind.
Aviel Cahn Als Haus, das zeitgenössische Kost im Programm hat, dürfen wir das Kulinarische nicht vergessen. Das muss eine Oper immer auch anbieten. Beides kann übrigens auch gut zusammengehen. Rirkrit Tiravanija symbolisiert diesen Anspruch, aber anders, als wir das im Musiktheater kennen.
Unlimited heißt auf Deutsch unbegrenzt oder grenzenlos. Wenn das für eine deutsche Stadt stimmt, dann für das kulturelle und auch subkulturelle Angebot in Berlin. Was können Sie mit dieser Sparte stemmen, was es anderswo in der Stadt schwer hätte?
Elisa Erkelenz Wir wollen nichts ersetzen, was es schon gibt. Wichtig ist uns, Allianzen zu schmieden in die Stadt hinein. Die «Eingeweide» der Oper zu öffnen und Räume zu schaffen, auch für Verbindungen mit der freien Szene. Die Verbindung reizt uns natürlich auch künstlerisch: Die Oper ist bereits als Gattung eine multisensorische Kunst. Dieses Verständnis wollen wir mit Unlimited lebendig erweitern, mit vielen genreübergreifenden Partner*innen in der Stadt, vom Museum bis zum Kino. Das Herzstück von Unlimited ist die Tischlerei, unser experimenteller zweiter Spielort. Hier werden wir stärker auch mit internationalen Partner*innen zusammenarbeiten und vermehrt postmigrantische Stimmen präsentieren, die noch einmal ganz anders auf das blicken, was Musiktheater ist und sein kann.
Was ein großes Haus besser kann als subkulturelle Räume: Kontinuität. Wie muss man sich die Residenzen vorstellen bei Unlimited?
Elisa Erkelenz Es gibt ein neues Residenzprogramm, für das wir in dieser Saison einen Poet in Residence – den kongolesischen Autor Fiston Mwanza Mujila – und eine Composer in Residence – Bára Gísladóttir – eingeladen haben. Es geht uns dabei um Vertiefung, neue Kontexte und die Möglichkeit, die Künstler*innen in ganz unterschiedlichen Formaten und Zuständen zu erleben.
Aviel Cahn Das Publikum soll Künstler*innen aus dem Hauptprogramm von allen Seiten kennen lernen. Sie können noch viel mehr, als sie auf der großen Bühne zeigen. Bára Gísladóttir ist nicht nur eine ausgezeichnete Komponistin, sondern auch eine hervorragende Performerin am Kontrabass. Und unser Poet in Residence, Fiston Mwanza Mujila, schreibt zwar, aber steht auch selbst auf der Bühne.
Elisa Erkelenz Nur um ein paar erste Beispiele zu geben: Gísladóttir spielt ein Kontrabass-Solo im Berghain, eine andere Komposition von ihr werden wir in der Gedächtniskirche zeigen – beides in Kooperation mit dem CTM Festival. Auch Fiston Mwanza Mujila wird als Performer zu erleben sein, zusammen mit der Komponistin Sofia Jernberg, mit der er eine afrofuturistische Oper schreibt: Sunville. Er ist aber auch Gastgeber eines Unlimited Salons zu Verdis Otello und wird beim Internationalen Literaturfestival performen. Beide zeigen außerdem einen von ihnen ausgewählten Film in unserer neuen Kino-Kooperation mit den Yorck Kinos. Vieles entsteht aber auch noch spontaner…
Herr Cahn, Berlin hat drei große Opernhäuser, mit der kleinen Neuköllner Oper sogar vier. Die Frage ist ein Dauerbrenner, aber sie wird unterschiedlich beantwortet: Wie schärft man da sein Profil?
Aviel Cahn Für die Komische Oper ist es vielleicht am einfachsten, weil die auch viel Operette und Musical machen. Die Staatsoper und wir sind in zwei unterschiedlichen Ecken der Stadt, und das ist doch prima so, damit niemand zwei Stunden fahren muss, um in die Oper zu gehen. Wir sprechen uns zwar inhaltlich ab, aber es ist schon mehrfach vorgekommen, dass das gleiche Werk, zum Beispiel La bohème, in beiden großen Häusern vor vollen Rängen gespielt wurde. Diese Dopplung ist ja nicht schlimm, wenn sie nicht dauernd vorkommt. Daneben muss man selbstverständlich sein eigenes Profil schärfen. Und alles, was wir bislang besprochen haben, zeugt von einer individuellen programmatischen Handschrift, finde ich.
Lassen Sie uns kurz von weiter weg auf das Haus schauen. These: Viele Leute leiden unter zu viel Digitalität. Selbst in der Popmusik kommen natürlichere Stimmen zurück. Immer mehr sehnen sich nach akustischen Klangquellen und echten Räumen. Das gehört alles zum Kerngeschäft der Oper. Wie holt man nun jene Leute zu sich, die noch gar nicht wissen, dass sie das bei Ihnen finden?
Aviel Cahn Es ist ein bisschen paradox: Wir müssen verstärkt in den digitalen Kanälen darum werben, nicht-digitale Erfahrungen zu machen. Man muss in der Oper noch viel dazulernen, ehrlich gesagt. Immer noch größere Marketing-Kampagnen sind zu teuer, auch wir müssen besser mit digitalen Medien umgehen. Und wir versprechen uns einiges davon, viele neue Partnerschaften einzugehen. So wird hoffentlich auch ein breiteres Publikum auf uns aufmerksam.
Beate Breidenbach Richtig, aber bei aller Digitalität ist es am Ende doch wieder einfach. Denn man kann in einer Stadt wie Berlin schon darauf hoffen, dass sich Qualität herumspricht und durchsetzt. Am Ende und am Anfang stehen tolle Aufführungen!
Oft geht es jenseits der einzelnen Aufführungen einfach um ein besonderes Klangerlebnis, das viele noch nicht kennen, oder? Das Berghain erreichte viel damit, dass der Club eine Zeit lang die beste Soundanlage der Stadt hatte. Und wer zum ersten Mal ein großes Orchester und eine große Stimme hört, nicht nur in Bayreuth, macht eine unvergessliche Erfahrung…
Aviel Cahn Und die Deutsche Oper hat die beste Akustik in Berlin!
Beate Breidenbach Und es ist alles live. Außerdem ist die Sicht von allen Plätzen gut. Das Haus wurde als Bürgeroper gebaut, es gibt hier keine Logen, keinen feudalen Hintergrund.
Aviel Cahn Wir sind eher nicht das Haus für die Barockoper, aber für die großen Opern ist unser Orchestergraben und die große Bühne vielleicht tatsächlich so etwas wie die Anlage im Berghain. Das heißt nicht, dass es nicht das eine oder andere im Haus zu verbessern gäbe. Alles andere wäre verdächtig in Berlin! (lacht)
Eine weitere Möglichkeit, viele Menschen anzusprechen: Mit berühmten Regisseur*innen arbeiten, die in der Oper noch nicht bekannt sind. Wir sprachen von Susanne Kennedy. Und Milo Rau, wohl der weltweit berühmteste Theaterregisseur, inszeniert bei Ihnen Wagners Der fliegende Holländer. Sie haben mit Rau schon in Genf zusammengearbeitet. Wie fanden das die Musiktheaterfans?
Aviel Cahn Wir haben zwei Opern mit Milo Rau gemacht. Zum einen Mozart, La clemenza di Tito, das war eine viel diskutierte Aufführung. Zum andern das Auftragswerk Justice, da ging es um den Rohstoffriesen Glencore und einen Chemieunfall im Kongo. Glencore hat den Hauptsitz in der Schweiz und Genf ist das Zentrum für den Rohstoffhandel…
Beate Breidenbach Milo Rau legt in seinen Arbeiten gerne den Finger in die Wunde, dorthin, wo es am meisten weh tut.
Aviel Cahn Ja, aber in der Schweiz blieb es weitgehend ruhig. Da perlt vieles ab, das ist ein bisschen wie bei einer Teflonpfanne. Aber so wird es mit Wagner und Rau in Berlin vermutlich nicht laufen (lacht). Milo hat stets einen dokumentarischen Zugang zu den Werken, auch beim Fliegenden Holländer. Die Frage der Erlösung, einer Gesellschaft oder eines Individuums, steht im Vordergrund in dieser Oper. Dazu kommt der ganze Wagner-Kosmos in der Rezeptionsgeschichte bis ins Dritte Reich und darüber hinaus. Soll man Wagner boykottieren, ist das heikel? Und wenn wir bei Boykott und Antisemitismus sind, landen wir zwangsläufig bei Israel. Wir sind wirklich gespannt darauf!
Elisa Erkelenz Wir weichen den möglichen Kontroversen nicht aus, sondern begleiten viele Produktionen mit Gesprächen und anderen Kontexten. Nach dem Fliegenden Holländer zum Beispiel sitzt Aviel Cahn nach jeder Vorstellung mit Gästen zum Nachgespräch zusammen und diskutiert mit dem Publikum. Für den Unlimited Salon laden wir Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten ein, eine sinnliche Einführung zu gestalten. Es geht uns darum, die Oper mit Themen zu verbinden, die viele beschäftigen.
Wer das Publikum nach der Vorstellung noch etwas im Haus behalten will, und sei es zum Reden, muss eine offene Bar haben…
Aviel Cahn Klar, die Bar bleibt offen. Wir wollen offene Gastgeber sein, die auch eine ganzheitliche Erfahrung anbieten. Wer zu lange anstehen muss für das Getränk und nichts klappt, kommt irgendwann nicht mehr. Das Sinnliche ist nun einmal Teil der Kunst. Aber die Deutsche Oper Berlin hat eine tolle Gastro-Infrastruktur, wo Publikum und Kunst sich mischen können. Es ist einfach ein tolles Haus.
Für ein Haus dieser Größe ist das Repertoire ein Pfund, hier können Inszenierungen immer wieder gesehen werden. Wie gehen Sie mit dieser Aufgabe um?
Beate Breidenbach Zusammen mit Wien und München hat die Deutsche Oper Berlin das größte Repertoire der Welt, das ist natürlich ein Schatz, den wir pflegen müssen. Wir wollen die Zahl der Wiederaufnahmen zwar leicht reduzieren, aber nur deshalb, um die Neueinstudierungen möglichst sorgfältig zu betreuen und dafür etwas mehr Zeit aufzuwenden. Das betrifft auch die Sängerinnen und Sänger. Die Besetzungen und die Dirigate werden sicherlich Anlass geben, die eine oder andere Produktion aus dem Repertoire zu besuchen. Und manchmal ist so auch ein Stück Theatergeschichte zu sehen.
Wie muss man sich das als Laie eigentlich mit den Sängerinnen und Sängern vorstellen: Ein bisschen wie beim Fußball-Transfermarkt? Man buhlt weltweit um die Besten?
Aviel Cahn Man schlägt sich schon um die Besten, das ist klar.
Beate Breidenbach Man muss weit im Voraus planen, damit man als Erste anfragt! Daneben wollen wir aber natürlich auch unser Ensemble stärken und weiterentwickeln.
Aviel Cahn Der Markt hat sich in den letzten 30 Jahren enorm verändert. Es gibt zweifellos eine Menge sehr guter Sängerinnen und Sänger, aber nur noch wenige so berühmte, dass wir wegen ihnen eine Vorstellung gleich Monate vorher füllen.
Warum ist das so?
Aviel Cahn Gute Frage. Vielleicht liegt es daran, dass der geradezu exzentrische Individualismus, der für eine ganz große Stimme gut sein kann, heute weniger gefragt ist. Oder dass sich die Körper verändert haben. Für die großen dramatischen Rollen bei Verdi, Wagner oder Strauss ist es jedenfalls dünner geworden. Viele können das singen, keine Frage. Aber die Persönlichkeiten sind andere. Früher gab es vielleicht 50 Sänger*innen, mit denen allein man ein Haus füllen konnte. Heute sind es eher 5. Das kann auch daran liegen, dass in der Ausbildung andere Dinge verlangt werden. Aber das Publikum entscheidet auch anders. Der Renner an diesem Haus der letzten Jahre war Antikrist von Rued Langgaard (in der Inszenierung von Ersan Mondtag), und keine der großen Opern des 19. Jahrhunderts. Das ist eine tolle Produktion, aber da treten weder weltberühmte Sänger*innen auf noch dirigiert eine Legende.
Neue Musik und Uraufführungen gehören nach Wagner und Verdi ebenso zur Deutschen Oper Berlin. Diese Position im Spielplan besetzt unter anderem Good Vibes Only der isländischen Komponistin Bára Gísladóttir, als Composer in Residence, und dem französischen Regisseur Joris Lacoste. Eine Riesenproduktion, acht sehr unterschiedliche Sängerinnen, fünf Instrumenalist*innen im Raum, dazu das Orchester. Nicht kleckern beim Neuen, die Offensive als beste Verteidigung?
Aviel Cahn Und den Chor bitte nicht vergessen! Der ist schon hier am Haus, das Orchester sowieso und auch einige Sänger*innen. Aber so eine Uraufführung erschließt neue Resonanzräume, wenn sie Alternativen zu den klassischen Opernstimmen zeigt und auch Elektronik einbezieht. Außerdem nehmen wir Nixon in China von John Adams wieder ins Programm, der in vielem eine Inspiration war für Komponist*innen wie Gísladóttir. Zur Frage der Größe: Auf der großen Bühne müssen wir keine Kammeroper machen, dazu haben wir die Tischlerei.
Beate Breidenbach Und die ist gar nicht mal so klein und kann bis zu 400 Zuschauer*innen aufnehmen. Das ist ein Geschenk für ein Haus wie die Deutsche Oper Berlin, so eine zweite Spielstätte ist einmalig. In Berlin hat kein Opernhaus so eine prominente Studiobühne wie wir.
Aviel Cahn An den Häusern, die vergleichbare Räume haben, wird sie oft aus finanziellen Gründen als Probebühne genutzt oder gleich eingespart. Mir ist wichtig, trotz der massiven Kürzungen in Berlin, dass wir einen Ort für ein erweitertes, begleitendes und experimentelles Programm haben.
In der Bildenden Kunst, scheint mir, haben die Zuschauer*innen viel Geduld beim Betrachten von Dingen, die sie nicht sofort verstehen. Kann die Oper etwas davon lernen? Ich denke dabei an Brittens War Requiem, das Sie neu einstudieren und für das der weltberühmte Berliner Fotograf Wolfgang Tillmans eine Bühneninstallation gemacht hat…
Elisa Erkelenz Die oft konzeptionellere Herangehensweise von vielen Bildenden Künstler*innen lässt ganz selbstverständlich, ja entspannt, Raum für die Gedanken des Publikums. Das kann die Lücken selbst schließen, weil noch nicht alles von der Tradition durcherzählt ist. Das ist auch für uns reizvoll…
Aviel Cahn In der Oper beschäftigen wir uns zu vermutlich zu 90 Prozent mit Material von Künstler*innen, die nicht mehr leben. Deshalb ist es für mich ein Gewinn, mit zeitgenössischen Künstler*innen zusammenzuarbeiten, die gewohnt sind, tagtäglich etwas Neues zu schaffen. Erst recht, wenn es Rirkrit Tiravanija oder Wolfgang Tillmans sind, zwei der vielen erstklassigen Künstler*innen, die in Berlin ansässig geworden sind. Wir hoffen derweil, dass die Stadt weiterhin diese Möglichkeiten bietet, auch für jüngere Künstler*innen.
Beate Breidenbach Für das ganz junge Publikum gibt es übrigens hier am Haus die Sparte Junge Deutsche Oper, die in den letzten Jahren wunderbar aufgebaut wurde. Die führen wir selbstverständlich fort, setzen allerdings ein paar neue Akzente. Und wir zeigen mit In 80 Tagen um die Welt nach Jules Verne eine tolle Familienoper auf der großen Bühne.
Regie, Bühne, junge Stoffe, alte Stoffe: Okay, aber am Ende kommen die meisten Leute wegen der Musik zu Ihnen, oder?
Aviel Cahn Das glaube ich auch, ja.
Nun hat Ihre Intendanz keinen einzelnen Generalmusikdirektor, aber drei vergleichsweise junge Dirigenten: der Franzose Maxime Pascal, er dirigiert die Stockhausen-Eröffnungspremiere, der Italiener Michele Spotti und der Schweizer Titus Engel. Was hat zu dieser Entscheidung geführt?
Aviel Cahn Die drei haben einfach sehr unterschiedliche Fähigkeiten und decken ein jeweils anderes Repertoire ab, das wollen wir alles haben. Das ist der eine Grund. Der andere: Wir haben die eine ideale Person, die das alles für uns abdeckt, nicht gefunden, in Abstimmung mit dem Orchester übrigens. Es hat viele Vorteile, wenn man selbst ein großes Haus einigermaßen kollegial führen kann. Ohne einen Generalmusikdirektor, der sich meist die großen Werke schnappt, haben wir außerdem mehr Flexibilität und können tolle Gastdirigent*innen holen. Ich freue mich sehr, das mit dem Team nun auch spielerisch zu erkunden. Es muss auch Spaß machen, und das Publikum es spüren!
Das Gespräch führte Tobi Müller (freier Autor und Kulturjournalist).