Es freut uns, Ihnen heute die Pläne für die erste Saison der neuen Intendanz von Aviel Cahn und seinem künstlerischen Leitungsteam, Chefdramaturgin Beate Breidenbach und Elisa Erkelenz, Leiterin der Sparte Unlimited, vorstellen zu können.
Programmatisch für die neue Reihe Unlimited findet das Eröffnungswochenende am 29./30. August mit Events statt, die unter der kuratorischen Leitung des bildenden Künstlers und Performers Rirkrit Tiravanija stehen und Handschriften von wichtigen Künstler*innen aus Berlin mit den Musiker*innen und Sänger*innen sowie den Räumen der Deutschen Oper Berlin verbinden. Petrit Halilaj und Álvaro Urbano werden eine kostümierte Parade initiieren, Sung Tieu kommt direkt von der Kunstbiennale in Venedig zu uns nach Berlin und Anri Sala arbeitet mit Musiker*innen des Orchesters. Außerdem sind Tomás Saraceno und Omsk Social Club mit Aktionen vor Ort. Von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 18 Uhr steht das Haus für unser Publikum offen, während der Nachtstunden verwandelt sich die Bühne in einen Club.
Am 19. September folgt die erste von sieben Premieren auf der großen Bühne, und zwar die deutsche Erstaufführung von Karlheinz Stockhausens monumentalem Opus Mittwoch aus Licht. Während in anderen Teilen des LICHT-Zyklus der Kampf miteinander streitender Kräfte, deren Polarität unser Leben bestimmt, im Zentrum steht, wird in Mittwoch die Utopie der Liebe und der spirituellen Verbindung im Geiste der Musik zelebriert. Maxime Pascal, als Principal Guest Conductor dem Haus eng verbunden und ein leidenschaftlicher Anwalt der Musik Stockhausens, arbeitet für Mittwoch aus Licht mit seinem Ensemble Le Balcon, Solist*innen des Orchesters und dem Chor der Deutschen Oper Berlin zusammen. Regie führt die in Berlin bereits bekannte Susanne Kennedy, deren Arbeiten in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz sowie beim Theatertreffen (Fegefeuer in Ingolstadt sowie Warum läuft Herr R. Amok?) zu sehen waren. Ihre Inszenierung von Einstein on the Beach wurde auf internationalen Festivals gezeigt und in Berlin von den koprodu-zierenden Berliner Festspielen.
Schon einen Monat später, am 24. Oktober, laden wir zur zweiten Neuproduktion ein, Wagners Der fliegende Holländer in der Regie von Milo Rau und mit Giedrė Šlekytė am Pult; Tomasz Konieczny gestaltet die Titelparte und Aušrine Stundytė debütiert als Senta. Der streitbare Theatermacher Milo Rau setzt sich erstmals mit dem Werk Richard Wagners auseinander. Er nutzt die romantische Oper als Ausgangspunkt für eine Reise in die politischen Tiefenschichten der Bundesrepublik und deren lange Auseinandersetzung mit Schuld, Erinnerung und der Suche nach Versöhnung.
Für Familien zeigen wir ab dem 15. November das Musiktheater In 80 Tagen um die Welt nach Jules Vernes weltbekanntem Klassiker, von dem sich Jonathan Dove zu seiner Komposition inspirieren ließ. Regie führt Peter Lund, der auch das Libretto geschrieben hat. Die für das Opernhaus Zürich entstandene Produktion wird unter musikalischer Leitung unseres neuen Kapellmeisters Giovanni Conti mit Sänger*innen unseres Ensembles neu einstudiert.
Eine herausfordernde Entdeckung dürfte am 22. Januar 2027 die Uraufführung Good Vibes Only der jungen isländischen Komponistin Bára Gísladóttir, Preisträgerin der Ernst von Siemens Musikstiftung, bieten, die sich mit Themen der Social-Media-Gesellschaft auseinandersetzt. Regie führt der in Frankreich und Belgien festivalerprobte Joris Lacoste, den es in Deutschland erst zu entdecken gilt. Am Pult steht Titus Engel, Conductor in Residence und ein erfahrener Partner für komplexe Uraufführungen. Wir freuen uns, dass sich Bára Gísladóttir als Composer in Residence mit Konzerten, u. a. im Berghain und in der Gedächtniskirche, dem Publikum vorstellt und weitere Programme gestaltet.
Mozarts Così fan tutte kehrt am 28. Februar 2027 in einer Neuproduktion des Regiekollektivs FC Bergmann zurück auf den Spielplan der Deutschen Oper und lotet mit einem spielfreudigen Ensemble um Elsa Dreisig als Fiordiligi und Patrizia Ciofi als Despina unter Leitung des Mozart-Spezialisten Ricardo Minasi u. a. die psychologischen Facetten des vielschichtigen Spiels um die Liebe aus. Das belgische Regiekollektiv FC Bergman, das auf der Biennale di Venezia 2023 mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde und zuletzt auf der Ruhrtriennale mit Guernica Guernica einen fulminanten Erfolg feierte, ist in seiner Theatersprache dem bildgewaltigen Surrealismus zugeneigt und wird jetzt erstmalig in Berlin zu erleben sein.
Othello: Kaum eine Figur der Weltliteratur verbindet so viele tragische Widersprüche, denn er ist Täter und Opfer, Jäger und Beute zugleich – blutrünstiger Mörder seiner geliebten Desdemona, aber auch der dämonischen Manipulationslust des heimlichen Widersachers Jago ausgeliefert. Der Schauspiel- und Opernregisseur Kornél Mundruczó, der zudem als Filmemacher auf Psychodramen spezialisiert ist und gerade bei der Berlinale mit einem Beitrag im Wettbewerb vertreten war, führt uns in Verdis Otello direkt in die psychotischen Abgründe des Protagonisten. Am Pult steht Stefano Montanari, eigentlich Spezialist für die ältere italienische Opernliteratur, der gerade an der Staatsoper Stuttgart sein Gespür für Verdis Spätwerk bei einem umjubelten Otello bewies. Die Titelpartie übernimmt Najmiddin Mavlyanov, für die dramatischen Tenorrollen des italienischen und russischen Fachs weltweit gefeiert. Premiere ist am 16. April 2027.
Als letzte Premiere auf der großen Bühne zeigen wir am 18. Juni 2027 Brittens War Requiem in einer Inszenierung von Daniel Kramer und in einem Bühnenbild des herausragenden Fotokünstlers Wolfgang Tillmans. In der Inszenierung verbindet sich Kramers poetisch-kraftvolle Körperarbeit mit dem unkonventionellen, weltzugewandten Blick von Tillmans. Beide schaffen zeitlose Situationen, in denen Trauma und Trost, Masse und Intimität Platz finden. Unter musikalischer Leitung des Britten-Kenners Sir Donald Runnicles wird die für die Uraufführung geplante symbolische Besetzung mit einer russischen Sopranistin, einem britischen Tenor und einem deutschen Bariton nun mit Elena Tsallagova, Nicky Spence und Björn Bürger realisiert.
Außerdem ist das Publikum zu vier Sinfoniekonzerten eingeladen, die unter Leitung der drei dem Haus in Besonderheit verbundenen Dirigenten: Titus Engel, Maxime Pascal und Michele Spotti, sowie von Joanathan Nott stehen. Geboten werden originelle Programme mit Werken, die sonst eher selten erklingen.
Unlimited – die neue Sparte
Mit Unlimited etablieren wir eine neue Sparte, die Musiktheater und die Deutsche Oper als offenen Raum jenseits fester Grenzen zwischen Genres, Orten und Öffentlichkeiten feiert. Fünf eigenständige Reihen bilden ihr programmatisches Rückgrat: Cantadoras, Nachtmusiken, Late Nights, Im Kino und der Unlimited Salon. Es geht um die Präsenz verschiedener Perspektiven auf ein Thema, ob von unserem Poet in Residence Fiston Mwanza Mujila, der aus dem Kongo kommt, oder von Sängerinnen aus der Ukraine, dem Iran oder der Türkei wie in unserer Reihe Cantadoras, die Frauenstimmen im Kontext verschiedener Musiktraditionen zu Wort kommen lässt. Unlimited bietet auch Raum für eine breitere Zusammenarbeit mit der Berliner Kulturszene.
Für die Neuproduktion Sunville nimmt uns Fiston Mwanza Mujila mit in die «Second World» – eine Zone, in der afrikanische Kosmologien, Black Science-Fiction und beißende Satire, inspiriert vom Afrofuturismus, kollidieren. Manchmal hilft es nur, in Gelächter auszubrechen, bevor wir weiter träumen können. Die äthiopisch-schwedische Komponistin und Sängerin Sofia Jernberg steht ebenso wie Mujila neben weiteren Musiker*innen mit auf der Bühne. Sunville stellt die scheinbar einfache Frage: Wie wollen wir leben? Die Produktion in der Regie von Stephanie Thiersch ist eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Voices Berlin Festival und feiert am 25. September ihre Premiere in der Tischlerei.
Gemeinsam mit dem Berliner Zafraan Ensemble entwerfen der für seine künstlerische Vielseitigkeit bekannte Theatermann Thom Luz und Titus Engel den Musiktheaterabend Music of Changes, in dem sich John Cages Werk in seiner ganzen Breite erleben lässt: von den mitreißenden Perkussionsstücken der Anfangsjahre über die nachdenklicheren Ausdünnungs- und Auflösungsharmonien der mittleren Schaffensperiode bis zu den völlig von Zufall und Eigeninitiative ihrer Interpretatorik gestalteten Klangmeditationen des Spätwerks. Die Uraufführung findet am 5. März 2027 in der Tischlerei statt. Darüber hinaus entwickeln Luz und Engel einen Zyklus, in dem sie Karlheinz Stockhausen mit John Cage in Dialog bringen.
Außerdem sehen wir mit Spannung einer Neuproduktion für Kinder entgegen, Zad Moultakas Hamed & Sherifa, die am 30. April 2027 in der Regie von Heinrich Horwitz Premiere feiert. Dazu kommen Gastspiele von Musiktheaterproduktionen, Konzerte in der Tischlerei und an anderen Orten in der Stadt wie der Gedächtniskirche und dem Berghain… nehmen Sie sich die Zeit, durch das breite Unlimited-Programm zu streifen, um wertvolle Raritäten zu entdecken.
Ab sofort stellen wir die Spielzeiten unter ein Motto, um stärker unsere Inhalte und Visionen kenntlich machen zu können. Unser Motto 26/27 «Make Love…» stellt den Bezug zu unserer Zeit und ihren Herausforderungen her und lädt gleichzeitig ein, die drei Punkte des bekannten Slogans aus den 60er Jahren ganz eigen zu füllen – spielerisch, humorvoll und Ihren kreativen Gedanken Raum gebend. Die Illustrationen, die mit Witz weitere Assoziationsräume öffnen, hat die Pariser Illustratorin Olga Prader entwickelt. Gerade in herausfordernden Zeiten sind wir überzeugt, dass die Oper als Ort der Gemein-schaft wichtiger ist denn je – ein Ort, an dem wir zusammenkommen und gleichzeitig in utopische Welten eintauchen.
In diesem Sinne freuen wir uns auf die Saison 2026/27 mit ihrem reichen Angebot und vielen Neuigkeiten und sind gespannt auf Ihre journalistische Begleitung.